Um die Wartezeit auf den zweiten Konstanze-Hartenbach-Thriller etwas zu verkürzen, habe ich hier eine kleine Kurzgeschichte für euch. "Insomnium" zeigt euch einen kleinen Ausschnitt aus meinem nächsten Thriller und ich hoffe, dass sie eure Neugier wecken kann. 

INSOMNIUM

Verängstigt saß sie in einer Ecke und lauschte in die Finsternis der Nacht. Nichts. Grabesstille umgab sie, sodass sich ihr eigener Atemstrom unnatürlich laut anhörte. Nachdem sie vor wenigen Minuten in vollkommener Dunkelheit aufgewacht war, drängte sich nun eine Frage in ihr Bewusstsein und wischte die Erleichterung darüber, dass sie noch lebte, mit einem Wimpernschlag weg. Wo befand sie sich und wie war sie hierhergekommen? Unsicher tastete sie mit einer Hand nach hinten. Sie lehnte an einer kalten, schroffen Steinmauer. Ihre Arme und Beine schmerzten und waren so steif, als hätte sie sich stundenlang nicht bewegt. Ächzend stand sie auf, doch im gleichen Moment schwankte der Boden unter ihr, und ein heftiger Schmerz hämmerte in ihrem Kopf. Vorsichtig befühlte sie ihre Stirn. Sie war feucht und klebrig und brannte bei der Berührung. Ein kaum wahrnehmbares Rascheln ließ sie zusammenzucken. Ratten, schoss es ihr durch den Kopf und Ekel stieg in ihr auf. Sie hielt den Atem an und lauschte in die Dunkelheit. Das Geräusch war verstummt. Einzig ihr Herzschlag dröhnte wie eine Kesselpauke in ihren Ohren. Sie schloss die Augen und versuchte sich daran zu erinnern, wie sie in dieses dunkle Verlies gekommen war. Behutsam tastete sie ihren schmerzenden Körper nach weiteren Verletzungen ab. Zum Glück nur Prellungen. Auf allen Vieren kroch sie über den lehmigen Untergrund. Der Raum schien nicht größer als zwei mal zwei Meter zu sein. Zentimeterweise schob sie sich an der Wand entlang, bis sich das Material unter ihren Fingern veränderte.

Holz! Das musste eine Tür sein. Hastig suchte sie nach der Türklinke und drückte diese mit zitternden Händen nach unten. Ein verzweifelter Versuch, denn warum sollte sie nicht verschlossen sein? Mit einem metallischen Klacken sprang die Tür auf und Mareike stolperte erschrocken zurück.

Unschlüssig verharrte sie und blickte in das undurchdringliche Schwarz vor ihr. War das eine Falle oder ihre Chance zur Flucht? Quälende Minuten verstrichen, während sie starr vor Angst keinen klaren Gedanken fassen konnte. Was sollte sie tun? Sie nahm all ihren Mut zusammen und tastete sich vorsichtig nach draußen. Unter ihren Füßen spürte sie auch in diesem Raum den unebenen Lehmboden. Sie streckte die Arme nach vorn und tat einen Schritt nach dem anderen. Ruhig atmen. Das war doch gar nicht so schwer. Beinahe hätte sie hysterisch aufgelacht, doch sie hielt sich im letzten Moment zurück. Zu groß war die Angst, dass sie ihren Entführer auf sich aufmerksam machen würde. Nur warum hatte man sie verschleppt? Sie konnte sich immer noch keinen Reim darauf machen, wie sie in dieses dunkle Loch gekommen war.

Abrupt blieb sie stehen, als ihre Hände gegen eine kalte Steinwand stießen. Dieser Raum war nicht größer als der vorige. Sie hatte die gegenüberliegende Wand erreicht. Ihre Finger krallten sich in den bröckelnden Sandstein. Schweißperlen liefen ihre Wange hinab und kitzelten sie sanft wie eine Feder. Sie hielt die Luft an und lauschte.

Stille!

Kein einziges Geräusch drang hier ein. Die Mauern waren vermutlich sehr dick. Ob sie sich in einem Kellergewölbe befand? Systematisch tastete sie die Steinwand ab und suchte nach einer weiteren Tür. Erfolglos erreichte sie die Mauer rechts von ihr. Nur nicht durchdrehen! Ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie musste blinzeln. Lautlos glitt sie die Steine entlang, um den restlichen Raum nach einer Tür abzusuchen. Doch sie fand nichts als kalte Mauersteine. Nachdem sie keinen Ausgang gefunden hatte, ließ sie sich erschöpft auf den Boden gleiten. Denk nach, Mareike! Irgendwie bist du da ja rein gekommen. In dem ersten Raum muss es eine zweite Tür geben. Das war die einzige logische Erklärung.

Sie rappelte sich mühsam auf und drückte sich eng an die Wand, um durch die Tür wieder zurück zu schlüpfen. Doch es gab keine weitere Tür.

Nein! Das konnte nicht sein. Sie hatte bestimmt nur die Orientierung verloren und suchte die falsche Seite ab. Kein Grund zur Panik. Sie musste nur an der Mauer entlang gehen, bis sie die schwere Holztür gefunden hatte. Je weiter sie sich Stein für Stein voran tastete, desto größer wurde jedoch ihre Furcht. Es gab keine Tür! Wie konnte das sein? Hektisch ließ die ihre Finger über das raue Mauerwerk gleiten, umrundete das Areal ein weiteres Mal. Der Durchlass blieb verschwunden. Mareike wollte schreien, doch kein Laut kam über ihre Lippen, fast so, als wären ihre Stimmbänder durchtrennt worden. Die Gedanken überschlugen sich wild in ihrem Kopf, ihr Verstand drohte zu kollabieren. 

Nein!

Nein!

Dieses eine Wort umkreiste ihr vernebeltes Bewusstsein und verhöhnte sie mit schallendem Gelächter. 

Plötzlich ging ein Licht an und sie wich erschrocken einen Schritt zurück. Das war kein Licht, sondern die Steine. Sie schienen zu glühen und gaben einen rötlichen Lichtschein ab. Mareike drehte sich langsam um ihre eigene Achse. Alle vier Wände glühten nun grell auf und bestätigten das, was sie längst wusste. Sie war in einem Raum ohne Tür gefangen. Noch ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, setzen sich die Mauern begleitet von einem donnernden Getöse in Bewegung und kamen langsam auf sie zu. Die glühenden Sandsteine strahlten nun eine unerträgliche Hitze aus. Entsetzt blickte Mareike auf ihre aufplatzenden Hände. Ihre Haut schmolz und tropfte zäh auf den Boden.


Ein markerschütternder Schrei riss Konstanze aus dem Schlaf. Benommen setzte sie sich im Bett auf und suchte nach dem Lichtschalter ihrer Nachttischlampe. Geblendet von dem Licht schlüpfte sich blindlings in ihre Hausschuhe und ging hinüber zu Mareikes Bett. Sie nahm ihre Zimmernachbarin vorsichtig in den Arm und holte sie aus einem weiteren grässlichen Albtraum heraus. Seit sie die neuen Antidepressiva bekam, hatte sie zwar keine Probleme mehr mit dem Einschlafen, bekam jedoch jede Nacht immer heftigere Albträume. Konstanze wiegte ihre schluchzende Freundin sanft hin und her, während sich eine Frage in ihrem Kopf festsetzte: 

Konnte es tatsächlich sein, dass die schrecklichen Träume mit diesem neuen Medikament zusammenhingen? Schlagartig wurde ihr bewusst, dass auch die anderen Vorfälle mit jenen Tabletten zusammenhängen könnten. Was ging in dieser Klinik vor?